Eine Kletterreise nach Venezuela

Das AVS Projekt „ALPINIST2010-2013“ führte acht junge Kletterer auf einen unerschlossenen Tafelberg in Venezuela. Ich konnte die jungen Alpinisten auf eine abenteuerliche Expedition inmitten einer faszinierenden Landschaft begleiten. Andreas Gschleier erzählt unsere Expeditionsgeschichte.


Im Reich der bösen Geister
Alpine Erstbegehungen auf den Tafelbergen Venezuelas

Nach drei Tagen Fußmarsch erreichen wir unser Ziel: „Campo del Oso“, die Bärenhöhle, wird für die nächsten zehn Tage unser Quartier auf dem Auyantepui sein. Hinter dem Lager, ragen sagenhafte, rotgelblich schimmernde Sandsteinfelsen in den Himmel. Sie scheinen wenige Steinwürfe entfernt zu sein und trotzdem sind sie durch den dichten Urwald fast unerreichbar.
Eine Stunde Zustieg für wenige Hundert Meter. Pedro und Ernesto die zwei Pemon-Indianer bahnen uns einen Weg durch das Dickicht, hinterher jagt Helli, dicht gefolgt von der Gruppe.
Wir wollen einen Weg finden und auskundschaften, ob wir eine geeignete, kletterbare Linie ausfindig machen können. Anhand der vollbepackten Rucksäcke sieht man jedoch, dass unsere Gruppe im Grunde nur das Klettern im Kopf hat.
An der Wand angelangt ist die Anstrengung der letzten Tage vergessen, der unberührte Felsen versprüht seinen Charme, dem wir hoffnungslos ausgeliefert sind. Iris und Maria steigen nach kurzer Überlegung in eine steile Wasserrinne ein. Nur an mobilen Zwischensicherungen kletternd (VI-) eröffnen sie die erste Route in der Wand. Luca und Andreas B. klettern entlang einer Kante (VI), Peter und Andreas K. etwas rechts davon über Risse (VI). Nur Thomas und ich stehen noch etwas unschlüssig, vielleicht auch ehrfürchtig, vor einer überhängenden Wand. Wie vor dem ersten Kuss schlagen unsere Herzen. Dann startet Thomas im Vorstieg über Rillen und Henkel ins Ungewisse (VIII) und damit hat uns der Auyantepui endgültig in seinen Bann gezogen. Etwas abseits auf einem riesigen Findling sitzen die zwei Pemon-Indianer und schauen uns Kletterern ratlos nach, das seltene Schauspiel verfolgend.
Abends, am Lagerfeuer, lauschen wir dann ihren Geschichten: Den Tepuis wohnen böse Geister inne, die man nicht verärgern sollte. Die Geister sind dem gnädig, der die Natur respektiert, und zerstören diejenigen, die der Natur Schaden zufügen. Uns schaudert, und inmitten der gewaltigen Kulisse dieser unberührten Landschaft wird uns Kletterern die Nebensächlichkeit unserer menschlichen Existenz klar. Vielleicht sind es die Geschichten der Indianer, vielleicht aber auch die Mystik der Umgebung, die uns tiefen Respekt einflößt. Wir beginnen zu verstehen, dass wir nur Nebendarsteller sind. Unsere Übermacht, die wir anhand unseres Fortschritts in unseren geschützten Umgebungen angehäuft haben, scheint uns plötzlich verwerflich.
Nach den zehn Gipfeltagen hinterlassen wir ein Dutzend von Erstbegehungen bis zum IX. Grad. Das Klettern hat für uns hier auf dem Tepui eine neue Dimension erhalten, wir wollten dem Tepui nichts abringen, sondern ihn mit unserer Begeisterung bereichern. Dem Lachen der Pemon-Indianer nach zu schließen, die unsere Erstbegehungen vom Wandfuß aus lauthals kommentierten, ist uns das auch gelungen.



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